Überlegungen zur Moral der Menschenrechte
Menschenrechte – beinahe jeder Mensch hält sie für richtig und schützenswert, doch die wenigsten haben sich mit ihnen beschäftigt. Befürworter sind scheinbar nette und soziale Menschen, Gegner meist Nazis, Nihilisten oder religiöse Fanatiker.
Doch wie sieht es aus – kann auch es rationale Gründe geben, das Konzept der Menschenrechte abzulehnen?
Vorweg:
Jede wissenschaftliche Theorie muss logisch konsistent und empirisch belegbar sein. Das gilt vor allem für ethische Theorien, da sie die größte Sprengkraft für die Menschheit besitzen. Millionen Menschen haben Millionen ihrer Mitmenschen getötet, weil sie glaubten, es wäre „richtig“,„gut“ und „tugendhaft“. Soweit die Grundthese aus Stefan Molyneux’s Buch „Universally Preferable Behavior (UPB) – A Rational Proof of Secular Ethics“.
Im Folgenden werde ich den UPB-Ansatz nutzen, um zu zeigen, dass nicht alle Menschenrechte legitime Rechte sein können, weil sie einer rationalen Überprüfung nicht standhalten.
Laut UN_Basisinformation Nr. 40 sind Menschenrechte universell, sie sollen also jedem Menschen weltweit zustehen. Leider wird dabei zu gern vergessen, dass das Konzept der „Universalität“ auch eine zeitliche Dimension beinhaltet. Es wäre auch nur die halbe Wahrheit, würde ein Physiker behaupten, dass alle Steine fallen. Richtig ist, dass alle Steine zu jeder Zeit fallen. Jede Theorie, die belegen würde, dass ein Stein heute fällt aber morgen nicht, ein Stein fällt und der Nächste nicht usw. muss einen Fehler haben.
Ein weiteres rationales Kriterium ist die interne Logik und Beweisbarkeit einer Behauptung. Jede Theorie, die behaupten würde, dass ein Stein gleichzeitig fallen und steigen kann, weil unter jedem Stein unsichtbare rosa Feen wohnen, ist vielleicht interessant aber unbrauchbar.
Was bedeutet das für die Menschenrechte?
Würden wir zum Beispiel festlegen, dass Sklaverei ein Menschenrecht ist, hätten wir aufgrund der eben erwähnten Erfordernisse eine Menge Probleme:
- Das Recht eines Sklaventreibers lässt sich nur aus dem Bereich des Irrationalen ableiten (Rasse, Klasse, Volk, Staat, Gott usw.).
- Billigt man das Recht auf Sklaverei nur einer Person oder einer Gruppe zu, wird das Kriterium der personellen Universalität missachtet. Die Forderung kann auch nicht einfach universalisiert werden, indem man dem Sklaven das Recht einräumt, auch irgendwann einen Sklaven haben zu dürfen. Hier gäbe es ein Recht, das für eine Situation zwei Prinzipien beinhaltet, obwohl beide Menschen sind.
- Sklave und Sklavenhalter würden nur während der Versklavung moralisch handeln, davor und danach aber unmoralisch. Somit hätte diese Forderung auch keinen zeitlich universellen Charakter.
- Versklaven sich zwei Menschen müssten sie versuchen gegen die Pflicht, sich die Sklaverei auch gefallen zu lassen, ankämpfen, da es sonst keine Sklaverei wäre.
- Diesem Recht stünden widersprüchliche Rechte gegenüber (z.B. Recht auf Eigentum und Freiheit).
Wenn sich alle Menschen in Ruhe lassen und das Sklavereiverbot respektieren, gibt es keine solchen Probleme. Jeder kann immer und überall in diesem Punkt moralisch richtig handeln. Eine Regel für alle Menschen. Dieses Verbot lässt sich einwandfrei universalisieren und erhält durch die „Würde des Menschen“ eine gute und mit dem physikalischen Fakt, dass man nur der alleinige Herrscher seines Körpers ist, eine sehr gute Begründung (Selbsteigentum). Hierzu an anderer Stelle mehr.
Das Sklavereiverbot ist moralisch gesehen also völlig legitim und kann mit Waffen verteidigt werden.
Anders sieht es bei Anspruchsrechten aus. Nehmen wir hier als Beispiel das „Recht auf Gesundheit“.
Was besagt dieses Recht?
Es kann nur schwer behauptet werden, dass man für die Inanspruchnahme eine Rechts etwas zahlen oder aufwenden müsste. Eine konsequente Antwort eines Menschenrechtsaktivisten muss also lauten: Jeder hat immer ein absolutes Recht, per Zwang, auf Kosten anderer Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Es wäre schließlich absurd ein Recht konstruieren zu wollen, das besagt, dass man nur das Recht auf Gesundheitsleistungen oder das Recht nicht versklavt zu werden hat, wenn man dafür bezahlt.
Auch das Opfer einer Vergewaltigung sollte im Idealfall nicht für die Verfolgung durch das Justizsystem und die seelische Aufarbeitung durch Psychologen usw. zahlen, sondern der Täter selbst.
Hier die Probleme, die ich z.B. mit dem „Recht auf Gesundheit“ habe:
- Bei dem universellen „Recht auf Gesundheit“ haben wir es in einem ersten Schritt mit mindestens 2 Kategorien von Menschen zu tun: Kranke und Ärzte, die Kranke in jedem Fall behandeln müssen, auch wenn sie zur Not mit der Waffe gezwungen werden müssen. Genau das muss es bedeuten, wenn dieses Recht ein moralisches Absolut ist. Es ist gerechtfertigt für einen Sklaven, sich zur Not mit der Waffe zu befreien. Genauso ist es moralisch legitim, sich per Gewalt vor einem Vergewaltiger zu schützen. Das Recht auf Gesundheit kann aber wie das oben gesponnene „Recht auf Sklaverei“ nicht universalisiert werden, weil es für eine spezifische Situation zwei Prinzipien beinhaltet und somit zwei Kategorien eigentlich „gleicher“ Menschen konstruiert: Hier den Kranken und Arzt; dort Sklavenhalter und Sklaven. Es ist der Stein, der gleichzeitig fällt und steigt.
- Wenn es stimmt, dass ein „Recht auf Gesundheit“ ein moralisches Absolut ist, hat jeder Arzt, der je eine Aufwandsentschädigung verlangte oder sich weigerte eine Leistung anzubieten, gegen dieses Menschenrecht verstoßen. Es ist schon mächtig schräg, dass jemand nur aufgrund seines erreichten Status (oder Kittels?) plötzlich Anspruchsrechte erfüllen muss. Der Stein fällt nicht, weil er mit Moos bewachsen ist.
- Der Arzt kann nur im Moment der Leistungserbringung moralisch richtig handeln (zeitliche Universalität fehlt).
- 1. und 2. und 3. gilt auch für alle, die mit daran wirken, dass eine Gesundheitsleistung angeboten werden kann, wie z.B. alle anderen Krankenhausmitarbeiter, Krankenwagenhersteller, Straßenbauer, Hersteller medizinischer Technik usw.
- Wenn dies ein universelles Recht ist, hat ein Kranker jederzeit einen Anspruch auf Gesundheitsleistungen, das heißt, dass er jederzeit in in jedes Krankenhaus (oder alternativ direkt zu dem Arzt nach Hause) gehen darf und immer behandelt werden muss. Nicht irgendwann, wenn der Arzt Zeit und Lust hat, sondern sofort. Hat er keine Zeit, darf die Regierung – oder der Kranke selbst (das Recht auf Selbstverteidigung hat man ja auch) – den Arzt unter Androhung von Waffengewalt dazu zwingen, den Kranken zu behandeln. Ausreden wie „Der Arzt ist im Moment beschäftigt“, „Der Arzt ist im Urlaub“, „Der Arzt ist gerade schlafen“ oder „Der Arzt ist im Ruhestand“ zählen nicht. Das Recht soll ein universelles Absolut sein und subjektive Nützlichkeitserwägungen, hier die des Arztes, ausschließen.
- Man könnte aber auch sagen, dass die Leistung für Patienten kostenlos sein, aber die Mitglieder der „Gemeinschaft“ dafür aufkommen sollen – mit Ausnahme der Menschen, die krank sind. Also würden die Menschen moralisch richtig handeln, die für diese Leistungen bezahlen. Hier haben wir es aber auch mit mehren Kategorien von Menschen zu tun: 1. Diejenigen, die dafür zahlen können und 2. diejenigen, die diese Leistung nicht bezahlen können. Somit würden aber die Armen selbst, die gesund sind und keine Steuern oder Sozialabgaben zahlen können, gegen dieses Menschenrecht verstoßen.
- Das „Recht auf Gesundheit“ steht im Widerspruch zu dem Recht auf Freiheit. Und wie selbst der eher freiheitsfeindliche Rousseau sagte:„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muss, was er nicht will.“ Etwas „zu können“ kann nur aus den negativen Freiheitsrechten abgeleitet werden, ohne in einen Widerspruch zu geraten.
- Das „Recht auf Gesundheit“ steht im Widerspruch zu dem Recht auf Eigentum und – wie bei Punkt 5 ersichtlich wird – dem Sklavereiverbot, die wie das Recht auf Freiheit rational begründet werden können.
Weder das Konzept der Würde und schon gar nicht das Selbsteigentum können hier als Begründung herhalten, da sie schon die in den Punkten 7 und 8 erwähnten Rechte, begründen. Das Recht auf Gesundheit ist somit moralisch nicht begründbar.
Zum Glück bietet das Reich der Freiwilligkeit für Kranke dennoch eine enorme Vielzahl an Möglichkeiten, um Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen zu können (z.B. Spenden, Versicherungen, Familie und andere soziale Netzwerke). Letztlich ist es auch nicht unbedingt so, als würden sich Menschen solche Leistungen gegenseitig vorenthalten, wenn jemand in einer Notsituation ist und nicht bezahlen kann. In der Realität wird und wurde Menschen das Recht auf Gesundheit vorenthalten, obwohl sie Unsummen in ein System, das allein auf dem Zwang fußt, gepumpt haben.
Der Mensch ist böse – so what?
Welcher „Staatsfeind“ kennt das nicht? In einer Diskussion kritisiert man den Status Quo und erhält vom Gegenüber recht schnell eine Bestätigung. Aber sobald man zu der Konsequenz gelangt, dass niemand herrschen sollte, gerät die ganz Sache ins Absurde.
„Ja ja, was der Staat bzw. seine Vertreter mit uns anstellen, ist zum Teil echt schlimm. Aber ohne den Staat geht es doch auch nicht. Der Mensch ist nun einmal gierig, machtbesessen und rücksichtslos gegenüber seinen Nächsten – oder kurz: böse. Ich bin da nicht so optimistisch wie Du.“ Und die Krönung:„Ich sehe das ein wenig realistischer: Um ein wenig Gutes in der Welt zu bewahren, brauchen wir einen starken Staat.“
Ich weiß nicht, wie es anderen in so einer Situation geht, aber ich fühle mich dabei herabgesetzt, obwohl das Argument für einen starken Staat selbst an Unlogik kaum zu übertreffen ist. Suggeriert doch so ein Einwand als wäre man nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Anarchismus selbst nie auf die Idee gekommen, dass Menschen auch schlecht handeln können. Gerade weil allein im letzten Jahrhundert mehr als 200 Millionen Menschen im Namen von Regierungen ermordet wurden, suche ich nach Wegen, die tieferen Ursachen zu verstehen, um sinnvolle Lösungen zu finden.
Egal, zum Thema:
Kollektivistische Anarchisten versuchen in der Regel den vorgeworfenen Optimismus zu nähren, indem sie hier auf Kropotkin verweisen, der belegt hat, dass Kooperation ein wesentlicher Bestandteil der Evolution ist, und spekulierte, dass die „wahre“ Natur des Menschen durch das kapitalistische System verdrängt wird. Leider blendet diese Erklärung oft andere Eigenschaften des Menschen aus. Es ist vielmehr ein Hoffen, dass Menschen doch gut sind, wenn sie sich erst einmal „befreit“ haben. David Friedman drückte es einmal so aus: “Im idealen sozialistischen Staat lockt die Macht keine Machthungrigen an. Leute, die Entscheidungen treffen können, werden nicht die geringste Voreingenommenheit zugunsten ihrer eigenen Interessen haben. Für einen schlauen Menschen wird es keine Möglichkeit geben, die Institutionen für seinen Zweck zu benutzen. Und die Flüsse werden bergauf fließen.” Auch wenn David Friedman hier von einem Staat spricht, kann man nicht leugnen, dass die Strukturen von Räten, Syndikaten oder anderen basisdemokratischen Institutionen sehr den Strukturen eines Staats ähneln.
Diese Herangehensweise ist also nicht wirklich überzeugend. Wenn mir jemand erklärt, dass Menschen böse sind und wir deshalb einen starken Staat benötigen, versuche ich es wie folgt zu widerlegen:
1. Dass nicht alle Menschen böse sein können, wird durch die Diskussion belegt. Warum sollte jemand versuchen, mich in ein Gespräch zu verwickeln, um mich von seiner Position zu überzeugen, wenn er doch böse ist und mich per Gewalt zu den entsprechenden Handlungen zwingen müsste? Inhalt und Kontext der Aussage stehen hier im Widerspruch.
2. Nehmen wir ruhig an, dass alle Menschen böse sind, so gibt es keinen Grund, warum die Menschen innerhalb der Regierung auf einmal gut sein sollten. Außer man erklärt, dass das Regierungsamt einen Menschen biologisch verändert. Es ist nicht einzusehen, warum böse Menschen über böse Menschen herrschen sollten. Da Gewalt Grundlage jeder Regierung ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass bösere Menschen in den Staat drängen, äußerst hoch. Jeder Mensch im Staat wird damit potentiell gefährlicher als Menschen unter sich, die nicht die Möglichkeiten haben, wie ein Staat mehrere Milliarden Euro im Jahr für ein Militär- und einen inneren Gewaltapparat auszugeben, um die eigene und/oder eine fremde Bevölkerung unterdrücken zu können.
3. Wenn nur eine Minderheit gut und die Mehrheit schlecht ist, liegt es nahe eine „Diktatur der Vernunft“ zu fordern. Ist die Diktatur die logische Konsequenz aus der „Erkenntnis“, stellt sich sofort die Frage nach der Legitimation:
- Da eine Diktatur nicht legitimiert werden muss, kann jeder Diktator werden, der gerade die Absicht hat – was ja an sich schon auf einen schlechten Charakter hinweist – und über die notwendigen Ressourcen verfügt. Es ist überaus fragwürdig, ob ein guter Mensch so etwas je anstreben würde.
- Will man die Diktatur demokratisch legitimieren, ist es keine Diktatur mehr und wir wären bei dem Problem, dass die Mehrheit schlecht ist und deswegen keine guten Menschen als Führer wählen, die ganz undemokratisch gegen die schlechten Interessen der Mehrheit ankämpfen, sondern solche, die schlechte Interessen fördern.
Das Erstaunliche ist, dass mir neulich an dieser Stelle von jemandem der Vorwurf gemacht wurde, ich sei zu pessimistisch. Verstehen muss ich das nicht.
Wenn es stimmt, dass alle Menschen böse sind, oder dass die Mehrheit böse und eine Minderheit gut ist, dürfen wir keinen Staat haben.
Freiheit statt Angst – Impressionen einer Demonstration (Teil 2)
Stop Thinking! Vote!
Vor etwa einer Woche erfuhr ich von der Kampagne “Die Demokratiebotschafter“. Achtung: „Demokratiebotschafter machen sich stark für mehr Wahlbeteiligung in Deutschland.“
Huuhhhhhh…Danke!
Gruseliger als Menschen, die eine Partei wählen, um andere Menschen zu quälen, sind diejenigen, die diese Gewalt als das höchste Gut verehren und sich für dessen Verbreitung stark machen.
Stop! Think! Vote! hieß die wahrscheinlich letzte Aktion vor der morgigen Bundestagswahl. Ein lächerlicher Flashmob, der ein paar Wochen vorher angekündigt wurde. Bohninho berichtet ganz stolz:
„Anhalten, nachdenken, wählen gehen. Das war das Motto unseres “Wahl-Freeze“ in Berlin. Zusammen setzten wir mit dieser Aktion am Vorabend der Bundestagswahl ein letztes Zeichen für eine höhere Wahlbeteiligung. Um Punkt 12 Uhr blieben wir mitten zwischen Touristen und Berliner Passanten still mit einem Wahlzettel in der Hand stehen. Drei Minuten dauerte die gemeinsame Aktion. Dann löste sich die Gruppe so schnell wieder auf, wie sie erschienen war.
Viele irritierte Passanten kamen auf uns zu und fragten nach dem Motiv der Aktion. Unter anderem interessierte sich ein Journalistenteam aus dem Irak für uns. Es wünschte uns nicht nur viel Glück für den letzten Tag der Kampagne, sondern machte uns noch einmal deutlich: Wählen ist ein Privileg, dass viele Menschen auf der Welt immer noch nicht besitzen. Deshalb: Auf zur Wahl am morgigen Sonntag. Denn: Ohne Kreuz, keine Stimme!“
Wer wissen will, wie ein Teil der lustigen Wahrheit aussah, schaue sich das folgende Video an.
„Meine Daten gehören mir“ – Über einen Widerspruch der „Freiheit statt Angst“ – Demoteilnehmer
Mein Cousin und ich haben lange mit uns gehadert , ob wir überhaupt zur „Freiheit statt Angst“- Demo hier in Berlin gehen sollten. Dazu muss man wissen: uns fällt jede politische Beteiligung schwer, weil sie entweder zur Gewalt aufruft oder uns zu Bittstellern von Dingen macht, die uns sowieso gehören. In diesem Fall diskutierten wir beinahe eine Woche. Die alten Argumente und wieder einmal das Ergebnis, dass wir alles von unserer Laune abhängig machen wollten.
Unsere Laune riet uns am Samstag, um 15 Uhr zur Demo, währenddessen etwas zu essen, und um 16 Uhr ins Kino zu gehen. Um 15.10 ging es dann schließlich los.
Als wir in der U-Bahn zum Potsdamer Platz standen, ist uns wieder eingefallen, warum wir eigentlich laufen wollten: Samstag + Großdemo + S-Bahn-Reparaturarbeiten (für alle Nicht-Berliner: nicht immer noch, schon wieder) + gefühlte 32,7°C staatlich kontrollierte Außentemperatur = Wertschätzung guter Luft. Manchmal läuft man eben nur nebeneinander her, brabbelt und vergisst dabei seinen geplanten Weg und merkt erst im Augenblick des Unglücks, dass man wieder zu unachtsam war. Egal, aussteigen wollten wir aber auch nicht mehr. Der Aufwand, sich wie ein Baby ins Licht der Welt zu kämpfen, und der Nutzen, den gute Luft zweifelsohne hat, standen jetzt in keinem Verhältnis mehr. So entsprachen wir der Maxime „Sei flexibel!“ und hielten die 6 Minuten durch.
Potsdamer Platz: Nach der ersten Begegnung mit einem freundlichen jungen Mann , der uns eine Zeitung der SAV (Sozialistische Alternative) schenken wollte, legten wir uns gleich eine Handlungsstrategie im Umgang mit solchen Menschen zurecht. Zweckbündnis hin oder her. Wir einigten uns aufgrund der Überpräsenz unserer „Gegner“ auf einen abschätzigen Blick, gefolgt von einem entschiedenen Kopfschütteln und einem einfachen „Nö!“. Angebracht angesichts des sonstigen Bestrebens dieser, einen Staat installieren zu wollen, der alle Freiheiten beseitigen muss. Auch wenn sie das wohl nie begreifen werden. Damit wären wir beim Thema.
Der erste Banner, der mir bewusst aufgefallen ist, war grün und proklamierte „Meine Daten gehören mir“. Klar kam mir sofort in den Sinn, dass die Politjunks der Grünen auch eine Reihe von „Sicherheitsgesetzen“ unterstützt haben, und ich fragte mich, was die überhaupt auf so einer Demo wollten. Aber viel wichtiger erschien mir eine andere Feststellung:
Personenbezogene Daten sind erst einmal Angaben, die nur im menschlichen Geist existieren. Sie haben nichts mit unserer eigentlichen Persönlichkeit zu tun. Sie werden zum Großteil durch äußere Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben oder nehmen, bestimmt. Wir hatten keinen Einfluss darauf, wann unsere Eltern uns zeugten (der Kalender wurde auch von anderen Menschen festgesetzt), welchen Namen wir tragen, wie die Straße heißt, in der wir wohnen usw. Diese Daten sind nur Mittel, um von anderen identifiziert zu werden. Abgesehen von Gesundheitsdaten, die für den Einzelnen sicher auch hilfreich sind, hat jede Regierung ein enorm hohes Interessen an diesen Informationen, um an etwas viel wichtigeres zu kommen: Eigentum.
Eigentum existiert in der materiellen Welt, ist Grundlage menschlichen Lebens (ohne Eigentum wäre z.B. essen ausgeschlossen) und ergibt sich aus der Verantwortung über die Effekte des eigenen Körpers.
Weder Abgesandte des Staats, noch professionelle Diebe und Räuber rennen blind durch die Gegend, um das Eigentums andere Menschen zu stehlen. Sie sammeln Informationen, um den Aufwand und das Risiko so weit wie möglich zu minimieren und den Gewinn zu maximieren. Der Unterschied ist, ein Dieb oder Räuber hat meistens kein langfristiges Interesse an der Person, weil mit jedem Raubzug das Risiko erwischt zu werden steigt. Im Gegensatz zur Regierung: Sie hat die die meisten Waffen im Land – sie braucht sich nicht um das Risiko zu kümmern, solange genug Menschen bereit, diesen Zustand zu akzeptieren; sie hat ein langfristiges Interesse an jeder Person; sie muss wissen wo man wohnt, wo man arbeitet, bei welcher KV, oder RV man Mitglied, wie hoch das Einkommen und wie groß das Vermögen ist.
Das Recht, das von den Grünen proklamiert wird, hatte der Großteil der Demoteilnehmer nie, weil der Staat die wichtigsten Daten immer besaß. „Datensammelwut“ ist nur eine dem technischen Standard entsprechende Folge „gerechter Bürokratie“ und des gesamtgesellschaftlichen Willens, alle oder viele Teilbereiche des Lebens kontrollieren und steuern zu wollen.
Der wesentliche Widerspruch sollte an dieser Stelle deutlich werden. Wenn eine Partei proklamiert, dass meine Daten mir gehören, muss ich auch das Recht haben, sie vor dem Staat geheim halten zu dürfen. Das bedeutet, die Handlungsfähigkeit jeder Regierung würde enorm eingeschränkt, wenn nicht sogar beseitigt. Immerhin müssten in so einer Situation Menschen mit geladenen Waffen von Tür zu Tür gehen, um Steuern einzutreiben. Wer Terry Pratchetts Mac Best kennt, wird dieser Vorstellung sicher etwas Witziges abgewinnen können. Natürlich geschhieht das in einem Sozialstaat „sozialverträglich“ nach Prüfung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Ach, darf er dann ja nicht mehr. Denn in der Logik der anwesenden Parteien hieße das: „Wir dürfen dir zwar dein Eigentum gegen deinen Willen nehmen, weil wir ja handlungsfähig sein müssen, aber nicht überprüfen, ob du überhaupt etwas hast.“ So gesehen dürften sie noch nicht einmal ein Blick auf das Haus oder in die Wohnung werfen. Schließlich könnten sie daraus Rückschlüsse auf die Vermögensverhältnisse ziehen. Blind in das Objekt der Begierde rennen, wild um sich schießen und sich Gegenstände oder Geld im Wert von 60% des monatlichen Einkommens zu schnappen (soll ja auch gerecht sein!), wäre eine Möglichkeit. An dieser Stelle wären sie aber mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: Der Eigentümer kann sich wehren, ohne später Konsequenzen fürchten zu müssen – die Eintreiber wissen ja nicht, wo sie sind und mit wem sie es zu tun haben (oder hatten). Absurd? Nicht doch.
Wer einen Staat will, wie die anwesenden Parteien, soll nicht meckern, dass ein Staat diese Daten auch nutzt und nicht als Eigentum behandelt. Und wer den Gewaltapparat will, muss sich auch nicht wundern oder Mitleid heucheln, wenn schwarze und grün-weiße Ritter der Gerechtigkeit ständig übereinander herfallen, und immer wieder auch Unschuldige verdroschen werden.
Ich unterstütze die Forderung „Meine Daten gehören mir“. Aber ich halte den Staat auch für grundsätzlich böse.