Libertäre Prügelpädagogik
Nachdem ich auf das folgende Fundstück aufmerksam geworden bin, ist mir wieder bewusst geworden, was mich bei einigen selbsternannten Libertären neben vielen anderen Dingen so sehr nervt, dass eine Abgrenzung notwendig wird. Tomasz M. Froelich berichtet auf seinem Blog:
Staatliche Resozialisierungsheime für gewalttätige Jugendliche in Polen kosten den dortigen Steuerzahler bis zu 18000 Zloty monatlich pro eingelieferten ,,Patienten“, was in etwa 150 Euro pro Tag entspricht. Die Effizienz dieser staatlichen Einrichtung ist hingegen äußerst dürftig: fast 60% der Patienten werden rückfällig, was nicht sonderlich verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass in den Resozialisierungsheimen gewalttätige Jugendliche mit Gleichgesinnten zusammenleben. Die Konsequenzen sind leicht vorhersehbar. Die staatliche Einlieferung der Patienten in die Resozialisierungsheime ist ein Verbrechen, welches man als psychische und moralische Vergewaltigung bezeichnen könnte. Die Schäden dieser Vergewaltigung sind fast irreparabel.
So weit so gut. Das Knastsystem in Deutschland ist mit einer Rückfallquote von etwa 78% und deutlichen höheren Kosten diesbezüglich noch ein ganzes Stück ineffizienter. Erstaunlich ist dann aber der Lösungsansatz:
„Der polnische Libertäre Janusz Korwin-Mikke suggeriert, dass physische Strafen, wie etwa die Flagellation, pädagogisch sinnvoller wären, da sie eine stärker abschreckende Wirkung auf den potentiellen Gewalttäter ausüben, bei ihm aber keine bleibenden und irreparablen psychischen Schäden hinterlassen. Außerdem wäre diese Art der Bestrafung und Erziehung wesentlich günstiger – man müsste den Steuerzahler nicht ausrauben.“
Der erste Punkt, der mir gewaltig stinkt: Libertäre schlagen keine staatlichen Lösungen für staatliche Probleme vor. Wir sagen, dass der Staat unmoralisch ist und machen bestenfalls Vorschläge, wie eine Gesellschaft mit komplexen sozialen Problemen ohne den Einsatz von Zwang fertig werden könnte. Es geht der libertären Philosophie – außer der vulgären und äußerst unansehnlichen Version hiervon – nicht einfach darum, den Staat selbst in irgendeiner Form effizienter zu gestalten, sondern gänzlich abzuschaffen. Man muss sich ja auch nur kurz die Frage stellen, was es regelmäßig bedeutet, wenn der Staat effizienter arbeitet. Um Proudhon zu bemühen, heißt es „…bei jedem Werk, bei jedem Handeln, bei jeder Bewegung [effizienter] festgestellt, registriert, zensiert, tarifiert, abgestempelt, geschätzt, mit Abgaben belegt, lizenziert, autorisiert, befürwortet, behindert, reformiert, korrigiert werden; es heißt, unter dem Vorwand des öffentlichen Nutzens und im Namen des allgemeinen Interesses [effizienter] besteuert, dressiert, gerupft, ausgenutzt, monopolisiert, bevollmächtigt, gedrängt, mystifiziert, bestohlen und beim ersten Wort der Klage [effizienter] unterdrückt, bestraft, verunglimpft, schikaniert, verfolgt, gezaust, verurteilt, gerichtet, deportiert, geopfert, verkauft und verraten, dabei noch gefoppt, genarrt, gekränkt und entehrt zu werden.“ Sollte ein Libertärer dabei mithelfen? Natürlich nicht. Wir erlauben keiner prügelnden, raubenden und tötenden Elite die Existenz – kein Grund also, ihr irgendwelche Vorschläge zukommen zu lassen, wie sie gesellschaftlich wesentlich ungefährlichere Verbrecher zu sühnen hat, schon gar nicht, wenn die erste unbewusste Assoziation der meisten Menschen bei dieser Bestrafung wahrscheinlich der mittelalterliche Folterkeller ist und nicht unbedingt dazu beiträgt, der breiten Masse die Idee der Freiheit näher zu bringen.
Wir sollten aber schon allein deshalb nicht so eine Scheiße befürworten, weil wir ja gar nicht wissen, warum diese Jugendlichen überhaupt gewalttätig geworden sind. Ja, man mag hier einwenden, dass dem Opfer Motive egal sind. Aber was ist, wenn das „Opfer“ ein Cop war, der zuerst durchgedreht ist, der den Jugendlichen einbuchten wollte, weil er mit Dope gedealt hat? Was ist mit Schulschwänzern, die sich gegen ihre Verschleppung wehrten? Und, und, und… Jedoch selbst wenn es nicht so ist und diese Jugendlichen gänzlich Unschuldige angegriffen haben, also tatsächlich ein Verbrechen aus libertärer Sicht begangen haben, sollte man sich als Libertärer auch mal ganz unaufgeregt die Frage stellen, ob viele solcher Verbrechen nicht eben genau den Folgen institutioneller oder erzieherischer Gewalt geschuldet sind. Man muss diesen Menschen ja kein Verständnis entgegenbringen, wenn sie Unschuldige ausrauben, verprügeln, ermorden usw., ganz im Gegenteil, den Anspruch sie verstehen zu wollen, sollte man als Libertärer aber mindestens mitbringen, statt sofort nach direkter Gewalt zu rufen. Einem eingesperrten Affen, der täglich physisch und psychisch missbraucht wurde und nun immer wieder seinen Kopf gegen die Scheibe schlägt, wird man auch nicht zur Vernunft bringen können, wenn man ihn auspeitscht.
Man kann ja vortrefflich darüber sinnieren, wie eine zukünftige freie Gesellschaft mit Verbrechern umgehen könnte, und ganz klar, fast niemand wäre wahrscheinlich bereit, langfristig für die Brutstätten der Gewalt, auch Gefängnisse genannt, aufzukommen; durchdrehende Sklaven von heute sind aber nicht unser Diskussionsgegenstand, wenn es um die Konsequenzen in Libertopia geht. Und hätte sich Korwin-Mikke an dieser Stelle zum Umgang mit Verbrechern in einer freien Gesellschaft geäußert, hätte er damit nur gezeigt, wie wenig er von libertären Theorien zu diesem Thema weiß. Ich meine, das erste, und beileibe nicht das letzte, was man zu diesem Thema von libertären Philosophen lesen kann, ist doch, dass man zunächst dem jugendlichen Täter und dessen Eltern sämtliche Kosten der Ergreifung und Wiedergutmachung aufbrummen sollte. Mehr dazu aber in einem anderen Artikel.
Der zweite Punkt, der mich hier gewaltig nervt, ist, dass Korwin-Mikke sich als „Libertärer“ hinstellt, die Phrase „pädagogisch sinnvoll“ drischt, um letztlich (gewollt oder ungewollt) den Eindruck zu erwecken, dass sein Konzept etwas mit Libertärer Pädagogik zu tun hätte, also einer spezifischen, kritischen Pädagogik, die die etablierte Pädagogik – genau wie die Polizei, das Militär und die Rechtsprechung – als einen Bestandteil des Herrschaftsapparates ansieht. Er missachtet an dieser Stelle völlig den staatlichen Kontext. Die Libertäre Pädagogik hat aber einfach eine ganz andere Zieldefinition als der Staat und die verschiedenen vorherrschenden Erziehungsideologien. Auf der einen Seite steht der unmündige Bürger, der von Beginn an von Eltern und staatlichen Institutionen im Sinne ihrer Interessen geformt wird, mit wiederkehrenden (und leider oft nur destruktiven) Ausbruchsversuchen der Jugend; auf der anderen Seite, der richtigen Seite, der freie Mensch. Auf der einen Seite primär das Herumdoktorn an Symptomen über Repressionen, sobald etwas schief geht, auf der anderen Seite, der richtigen Seite, primär die Prävention zur Verhinderung von Gewaltverbrechen.
Kurzum: Wer so einen Müll vorschlägt und umgesetzt sehen will, wem die tieferen Ursachen von Verbrechen und deren Bekämpfung egal sind und nur an den Symptomen ansetzt, muss sich nicht wundern, wenn die Gesellschaft, in der er lebt, keine Fortschritte Richtung Freiheit macht und sollte sich lieber in einer Partei organisieren. Ach, das macht er ja schon.
